Wort des Pfarrers

Liebe Gemeindemitglieder,
liebe Leserinnen und Leser!

Weihnachten ist ein Fest mit einer ungeheuren Entwicklung, gerade in unseren Tagen! Es ist ein sehr irdisches Fest geworden.

Was werden wir an Weihnachten essen? Das ist womöglich eine Hauptfrage der letzten Tage gewesen. Und große Restaurants bieten wochenlang vorher schon die Speisekarte und das Zusatzprogramm im Schaufenster und auf der Homepage an. Weihnachten, ein sehr irdisches Fest. Und irdische Feste konzen­trieren sich aufs Essen, auf Kultur und Unterhaltung.

Weihnachten – ein heidnisches Fest?

Weihnachten ist gerade in jüngster Zeit auch ein heidnisches Fest geworden – mit dem Erfolg, dass man es überall feiern kann! So erzählt man sich von zwei Japanern, die am 24. Dezember abends durch Tokio gehen und an einer christlichen Kirche vorbeikommen. Die Tür ist offen, der Weihnachtsbaum strahlt und eine ihnen wohlbekannte Melodie dringt an ihr Ohr. Da sagt der eine ganz überrascht: Du, die Christen feiern ja auch Weihnachten!

Ja, auch unsere türkischen Mitbürger haben einen Christbaum. Und natürlich gehört Weihnachten vor allem den Kaufleuten. Sie haben die Oberhoheit über die Festgestaltung und beginnen auch den Advent schon ein, zwei Wochen früher, damit sich der Budenaufbau auch lohnt.

Und aus einem exakt datierten Fest – am 25. Dezember samt Vorabend – ist eine Festzeit geworden. Sie beginnt rund um Allerheiligen. Und wenn bei uns dann am Heiligen Abend erstmals der Christbaum leuchtet, dann sind wir sehr spät dran. Dann hat mancher von dem „Weihnachtsrummel“ schon genug und denkt an die nächste Party an Silvester.

Ist Weihnachten wirklich ein Allerweltsfest, das dies alles verträgt?

Ursprung des Festes

Der Ursprung von Weihnachten war tatsächlich ein Fest mit einem sehr irdischen, naturbezogenen Inhalt: ein Sonnwendfest, der Sonne gewidmet und dem Jahreskreis. Seit drei Tagen steigt die Sonne wieder empor. Römisch-heidnisch ausgedrückt: Der Sonnengott siegt wieder über die Dunkelheit. Noch merkt man es nicht, dass die Tage länger sind. Aber die Wende ist geschehen. Die Sonne steigt höher. Und Sonnwend, das ist nun einmal kein christliches Datum.

Römischer Staatsfeiertag, Tag des Kaiserkultes

Auch der 25. Dezember ist kein christliches Datum. Er ist nicht der Geburtstag Jesu, den kein Mensch kennt, sondern der Weihetag des Tempels zu Ehren des Sonnengottes am 25. Dezember 274 durch Kaiser Aurelian. Also ein staatlicher religiös-heidnischer Feiertag. Und mit ihm verbunden war der Kaiserkult, die Anbetung des römischen Kaisers als unbesieg­bare Sonne mit großer Liturgie, zu der Lieder gehören, die man dem Kaiser zu Ehren gesungen hat: Kyrie eleison! Römischer Herr der Welt: Erbarme dich unser! Und: Laudamus te, benedicimus te, adoramus te – wir loben dich, wir beten dich an, dich, den römischen Kaiser.

Was daraus geworden ist?

Was aus diesem heidnischen Staatsfeiertag geworden ist, haben wir der Glaubenstreue einer Minderheit und dem Glücksfall Konstantin zu verdanken: Wenn die Christen Kyrie eleison sangen, dann korrigierten sie das Kyrie mit einer zweiten Strophe: Christe eleison. Wenn sie sangen adoramus te, dann fuhren sie fort: Herr und Gott, König des Himmels, Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus! Und als Auftakt sangen sie ein Zitat aus dem Lukasevangelium: Gloria in excelsis deo! –

Nicht dem Kaiser gilt die Ehre, sondern Gott allein! Das war ihr Weihnachtslied: Kein anderer ist der Herr der Welt als Jesus Christus. Für diesen Glauben lebten und starben sie. Ein kleines Weihrauch­körnchen für den Kaiser hätte sie retten können. Ein ganz kleiner Glaubensabfall, und sie wären „aus dem Schneider“ gewesen. Stattdessen ertrugen sie 300 Jahre Verfolgungen, 300 Jahre immer wieder Märtyrer – bis zum Glücksfall der Konstantinischen Wende, als die Christen aus dem Untergrund an die Öffentlichkeit durften.

Gott selbst!

Zu kämpfen hatten die Christen auch in den eigenen Reihen. Heftig wurde darum gestritten, wer denn mit Jesus Christus in die Welt kam: ein Abgesandter des Himmels? Ein gottähnliches Wesen? Oder gar Gott selbst?

Das erste Konzil der Christenheit, das Konzil von Nicäa im Jahre 325, ein paar Jahre nach der Konstantinischen Wende, schuf schließlich Klarheit: In Jesus Christus kam Gott selbst! Wir beten das Credo von damals noch heute: „Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott.“ Und 100 Jahre später klärte sich in einer weiteren Kirchenversammlung in Ephesus: Gott kam wirklich als Mensch in diese Welt. Und demzufolge ist Maria wirklich die „Mutter Gottes“.

„Gott selbst!“ Das ist der christliche Inhalt des Weihnachtsfestes: Das feiern wir heute, und darum singen wir heute das Kyrie, das Gloria und das Credo besonders festlich.

Heute

Die Auseinandersetzung um Gottes Gegenwart in dieser Welt dauert bis heute. Damit Weihnachten nicht wieder zurückfällt in ein bloß irdisches Fest, ein Dekorations- und Kalorien-Event, darum feiern wir Weihnachten, wie es gefeiert gehört: mit dem Glaubens­bekenntnis „Et incarnatus est – Er ist Mensch geworden“! Und mit viel Brauchtum: mit dem Christbaum als Baum des Lebens mitten in der winterlichen Welt (und nicht bloß mit einer Lichtergirlande, die man auch im Fasching und beim Sommerfest verwenden kann). Und mit der Krippe unter dem Christbaum. Er, der Herr der Welt, hatte die Paläste dieser Welt nicht nötig. Und wir singen die Lieder mit ihren drei und mehr Strophen und lassen nicht nur die Melodien aus dem Lautsprecher tropfen. Nur der Text bringt den Inhalt: Dich wahren Gott ich finde in unserem Fleisch und Blut.

Und wir feiern es an dem Tag, an den es gehört: am 25. Dezember und in der Nacht auf diesen besonderen Tag hin, den Termin der Wende und des Neuanfangs. Die Wintersonnenwende zeigt an, dass die Wende vom Dunkel zum Licht endgültig besiegelt ist. Und dass die ganze Welt einbezogen ist in diese Wende.

Noch wird es dauern, bis das sichtbar wird. Aber der Anfang ist schon drei Tage alt, und damit die Hoffnung auf eine erlöste Zukunft gesichert: Christus hat der Welt das wahre Licht gebracht.

Kommt, folgen wir den Hirten, gehen wir hinüber nach Betlehem und beten ihn an – nur ihn!

Ich wünsche Ihnen allen
frohe und gesegnete Weihnachten
mit der Gnade des menschgewordenen Gottessohnes

Ihr Pfarrer
Wolfgang Schultheis