Aus unseren Augen – in Gottes Sinn

In Meiningen/Thüringen muss ein Sohn verurteilt werden, der seinen Vater auf dessen Verlangen hin getötet hat.
Wo Schuld ist, hilft aber keine Rache.
Nur Erbarmen. Und Vergebung.

Tragisch nennt man eine Verstrickung, aus der kein guter Weg mehr herausführt. Was immer man dann tut oder lässt – man wird schuldig. Die Schuld, auch unausweichliche, muss vor ein menschliches Gericht.

Eine Tragödie musste jetzt vor einem Gericht in Thüringen verhandelt werden. Ein 42-jähriger Sohn hatte seinen 68-jährigen Vater getötet, „auf Verlangen“ seines Vaters. Der war seit Jahren an einem Hirntumor erkrankt und wollte Schmerzen und Aussichtslosigkeit nicht mehr ertragen. Jahrelang hatte sich der Vater, wie man liest, nicht um seinen Sohn gekümmert, ihn gar mehrfach geschlagen. Dennoch kam der Sohn in den letzten Wochen seinem Vater zu Hilfe und hat sich, wie das Gericht ausdrücklich feststellt, „aufopferungsvoll“ um den kranken Vater gekümmert. Zuletzt erfüllte er ihm auch den Wunsch zu sterben. Tötung auf Verlangen ist eine Straftat. Der Sohn bekam eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren.

Solche Umstände sind eine Tragödie. Es gibt kein Entkommen, was immer eine oder einer tut oder lässt. Es bleibt Schuld.

Also muss es Erbarmen geben. Wo Schuld ist, hilft keine Rache. Rache vermehrt nur die Schuld. Wo Schuld ist, muss Erbarmen sein. Bei Schuld, die wir aneinander begehen. Dann auch vor unseren Gerichten. Zuletzt vor Gottes Gericht.

Ich weiß, dass viele Christen kaum noch daran denken, dass Gott einmal Gericht halten wird über menschliches Leben. Aber auch das, was aus unseren Augen und Sinnen verschwunden ist, bleibt in Gottes Sinn. Unser Leben wird bewertet werden. In allem, was wir tun und lassen. Davor sollten wir uns nicht fürchten. Es sei denn, wir vergessen es und leben, als gäbe es kein Gericht.

Besser ist, wir erinnern uns daran. Und daran, was Jesus sagt (Lukas 21,28, Wochenspruch 2. Advent): Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Das Ende der Zeit ist für Jesus Erlösung. Gott befreit aus Verstrickungen. Es gibt Umstände, Tragödien, die lassen nichts anderes zu als Schuld. Ob ich handele oder nicht, ob ich schweige oder rede, hinsehe oder wegsehe – alles macht mich schuldig. Selbst wenn ich mich unschuldig rede, bis ich es selbst glaube – Gott wird es nicht hinnehmen. Er wird es bewerten. In seinem Sinn.

Sein Sinn ist Erbarmen. In Gottes Gericht geht es nicht um ein Aufrechnen von Schuld, sondern um das Erkennen von Schuld. Ich kann mich ungeschönt ansehen. Ich werde meine falschen Reden von eigener Unschuld einsehen. Und beschämt gestehen: Ja, in meinem Leben bin ich schuldig geworden, manchmal ausweglos schuldig. Gott, erbarme dich meiner.

Gottes Wesen ist Erbarmen. Mein Wesen soll die Bitte um Gottes Erbarmen sein. Er möge mich nicht in Umstände bringen, die einer Tragödie gleich kommen. Und möge mir seinen Geist schenken, damit ich Schuld vermeiden und vergeben kann.

Michael Becker
mbecker@buhv.de